Psychosomatik aus Sicht der TCM

Aktualisiert: Jan 27

"Geh Du vor", sagte die Seele zum Körper, "auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf dich." "Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für Dich haben", sagte der Körper zur Seele.

(Ulrich Schaffer, Schriftsteller)




Auch wenn in der Schulmedizin die Krankheitslehre der Psychosomatik bereits seit gut 100 Jahren anerkannt ist, wird dieser Bereich leider bis heute noch immer sehr stiefmütterlich behandelt. Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen werden oftmals nicht ernst genommen, da Untersuchungen meist zu keiner ausreichenden Diagnose führen. Oft irren Patienten deshalb Jahre lang von Arzt zu Arzt, jedoch meist ohne Erfolg.


Auch ich hatte einige Jahre lang damit zu kämpfen. Lange Zeit litt ich unter massiven Verdauungsbeschwerden und Magenschmerzen, für die trotz vieler Untersuchungen keinerlei körperliche Ursache gefunden werden konnte. Von meinem Hausarzt wurde ich belächelt und nach Hause geschickt, mit der Begründung, dass ich keine Erkrankung hätte. Heute weiß ich, dass (emotionaler) Stress unter anderem eine der Ursachen für meine Beschwerden war.


Leider wird die Kraft der Seele und unserer Emotionen in der Schulmedizin noch immer unterschätzt. Psychosomatische Erkrankungen sind in unserer heutigen Leistungsgesellschaft und in Zeiten von permanentem Stress weit verbreitet. Im Grunde kann jedes körperliche Leiden psychische Hintergründe haben. Die Ursachen für die Entstehung und den Verlauf sind vielfältig und werden häufig selbst von den Betroffenen lange Zeit nicht bemerkt.


Dabei ist die Erkenntnis, dass Gefühle krank machen können, keineswegs neu. Der Volksmund hat dafür viele Redensarten parat: Ein Problem „liegt im Magen“, Liebeskummer „bricht das Herz“ und bei Wut „geht einem die Galle hoch“. Was wir meist locker daher sagen, ist jedoch Ausdruck eines engen Zusammenhangs zwischen Körper und Seele und auch in der traditionell chinesischen Medizin wird dieser Zusammenhang bereits seit über 1000 Jahren als selbstverständlich angesehen.



Psychosomatik


„Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.“ (Christian Morgenstern, deutscher Dichter)


Das Wort „Psychosomatik“ (altgriechisch: psyche = Seele, soma = Körper) bezeichnet das Wechselspiel zwischen körperlichen und geistig-seelischen Vorgängen. Psychosomatische Reaktionen sind grundsätzlich eine völlig gesunde Form des körperlichen Erlebens. Jedes Gefühl führt demnach zu einer körperlichen Reaktion.


Psychosomatische Erkrankungen hingegen stellen eine pathologische Form des Zusammenspiels zwischen Körper und Seele dar. In der Medizin berücksichtigt die Krankheitslehre der Psychosomatik somit die psychischen Faktoren für die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten.




Psychosomatik in der TCM – Körper, Geist und Seele als Einheit


„Der größte Fehler bei der Behandlung von Krankheiten ist, dass es Ärzte für den Körper und Ärzte für die Seele gibt, wo doch beides nicht voneinander getrennt werden kann. Willst du den Körper heilen, musst du auch die Seele heilen.“

(Platon, griechischer Philosoph)


In der chinesischen Medizin existiert das Wort „Psychosomatik“ jedoch nicht als solches. Im Gegensatz zur westlichen Kultur gibt es in der traditionell chinesischen Medizin kein Konzept und keine Lehre, die psychische von körperlichen Aspekten des Menschen trennt. Der Mensch wird ganzheitlich betrachtet und Körper, Geist und Seele werden stets als Einheit angesehen. Die Lebensenergie Qi steht dabei im Mittelpunkt.


„Der Mensch lebt inmitten von Qi und Qi erfüllt den Menschen. Angefangen bei Himmel und Erde, bis zu den zehntausenden Wesen braucht alles das Qi, um zu leben.“

(Huang Di Nei Jing – Der gelbe Kaiser)


Nach der Lehre der chinesischen Medizin ist alles im Universum, jedes Leben und jede irdische Manifestation Ausdruck von Qi. Qi ist Kraft, Materie und Geist in einem. So sind sowohl unser physischer Körper als auch unser Verstand und unser Geist eine Erscheinungsform von Qi. Zwischen diesen Erscheinungsformen des Qi gibt es keinen Unterschied und keine Trennung. Psyche und Körper bilden eine in sich geschlossene Einheit. Psychische sowie körperliche Beschwerden werden gleichwertig betrachtet.



Wie Nahrung die Psyche beeinflusst


Nach dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise kann sowohl der Körper über den Geist als auch der Geist über den Körper geheilt werden, denn beide beeinflussen sich gegenseitig in beide Richtungen. Somit können Ernährung, Akupunktur und Kräutermedizin ebenso ein wichtiger Bestandteil der positiven Beeinflussung von psychischen Ungleichgewichten sein, wie beispielsweise eine Psychotherapie.


„Jedes Handeln ist ein Handeln mit Qi. So sind alle äußeren Arzneien, die wir anwenden, Qi. Sie unterscheiden sich nur im Grad ihrer Verdichtung und reichen von höchster Feinstofflichkeit bis zur grobstofflichen Materie. Auch die Verordnung chinesischer Arzneimittel oder die Empfehlung bestimmter Nahrungsmittel entspricht einer Behandlung auf der Ebene von Qi, denn Kräuter und Nahrungsmittel sind Qi-Träger, sie haben Wirkkraft, sie bringen etwas in Bewegung.“ (Klaus-Dieter Platsch, Psychosomatik in der chinesischen Medizin)


Eine der zentralen fünf Säulen der chinesischen Medizin ist die Behandlung über die Ernährung. Jedem Nahrungsmittel wird eine spezielle Wirkung – klassifiziert über Geschmack, thermische Wirkung und Organzuordnung – zugeschrieben. Die verschiedenen Klassifizierungen beschreiben die Wirkung des Nahrungsmittels auf unser Qi. Nahrungsmittel können somit ebenfalls nicht nur einen Einfluss auf unseren Körper, sondern auch auf unsere Gefühle haben.

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